Der Poet, der trank, als meinte er es ernst
Li Bai (李白 Lǐ Bái, 701-762 n. Chr.) ist der großartige Trunkene der chinesischen Literatur – ein Poet, der nicht nur trank und schrieb, sondern das Trinken zu einem philosophischen Akt machte, zu einer kreativen Methode und einem Weg zur Transzendenz. In einer literarischen Tradition, die Zurückhaltung und Anstand schätzt, stolperte Li Bai herein, verschüttete Wein auf den Teppich und schrieb das schönste Gedicht, das jemals gehört wurde.
Seine Trinklieder sind keine confessional Literatur. Sie sind nicht die qualvollen Ausflüsse eines Abhängigen. Sie sind Feierlichkeiten – der Freundschaft, der Einsamkeit, des Mondlichts, der Natur und der flüchtigen Schönheit des Lebens in einem Universum, dem es egal ist, ob du existierst. Wein war das Medium von Li Bai, so wie Öl das eines Malers ist: nicht das Subjekt, sondern die Substanz, durch die das Subjekt sichtbar wird.
"Allein unter dem Mond trinken"
Li Bais berühmtestes Trinklied – "月下独酌" (Yuè Xià Dú Zhuó) – ist eines der großartigsten Werke der chinesischen Poesie:
Unter den Blumen, ein Krug Wein. Ich trinke allein – kein Begleiter in der Nähe. Ich hebe meinen Becher, lade den hellen Mond ein. Mit meinem Schatten bilden wir eine Feier zu dritt.
Der Mond weiß nicht, wie man trinkt. Mein Schatten folgt nur meinem Körper. Für jetzt halte ich den Mond und den Schatten als Gefährten – Frohsinn soll bis zum Frühling dauern.
Das Tonmuster (平仄 píngzè) wechselt zwischen geraden und schrägen Tönen mit der Regelmäßigkeit des Atems und schafft einen musikalischen Rhythmus, der das sanfte Wanken eines Betrunkenen widerspiegelt, der das Kosmos anspricht.
Was dieses Gedicht außergewöhnlich macht, ist nicht die Bildsprache – Mond, Schatten, Wein sind gängige poetische Materialien in der chinesischen Literatur. Es ist die emotionale Logik: Einsamkeit, die durch Vorstellung in Gesellschaft verwandelt wird, Isolation, die durch den kreativen Akt der Wahrnehmung von Gefährten, wo keine existieren, aufgelöst wird. Das Gedicht leugnet die Einsamkeit nicht. Es transzendiert sie.
"Bring den Wein"
"将进酒" (Jiāng Jìn Jiǔ) – "Bring den Wein" – ist Li Bais Manifest, eine trotzig-schmeichelhafte Feier der Kürze des Lebens und der Kraft des Weines, die Kurzlebigkeit erträglich zu machen:
Siehst du nicht, dass das Wasser des Gelben Flusses vom Himmel kommt – eilig zum Meer, nie zurückkehrend? Siehst du nicht den hellen Spiegel in der Halle – der die weißen Haare beklagt, die heute Morgen schwarze Seide waren?
Die einleitenden Zeilen etablieren das Thema: Zeit fließt nur in eine Richtung. Jugend wird zum Alter. Wasser wird zum Ozean. Nichts kehrt zurück. Die angemessene Antwort, argumentiert Li Bai, ist nicht buddhistische Verleugnung oder konfuzianische Pflicht – es ist, sofort, üppig und ohne Entschuldigung zu trinken.
Das Gedicht steigert sich in zunehmend extravagante Erklärungen: gib all dein Geld für Wein aus, verkaufe dein finest Pferd für ein Getränk, lass das endlose Fest weitergehen, denn morgen ist es schon zu spät. Es ist epikureische Philosophie in ihren berauschendsten Formen – buchstäblich.
Wein als daoistische Praxis
Li Bai war ein engagierter Daoist, und sein Trinken war nicht getrennt von seiner spirituellen Praxis – es war ein Teil davon. Der Daoismus schätzt ziran (自然 zìrán) – Natürlichkeit, Spontaneität, die Auflösung künstlicher Grenzen zwischen Selbst und Welt.