Chinesische Dichter schrieben nicht über Jahreszeiten wie Wetterreporter. Der Frühling war nicht einfach nur warm. Der Herbst war nicht einfach nur kühl. Jede Jahreszeit trug eine spezifische emotionale Ladung, die jeder gebildete Leser sofort verstand — ein gemeinsames Vokabular des Fühlens, das sich auf den Kalender abbildete.
Wenn man die Jahreszeit in einem chinesischen Gedicht falsch zuordnet, bricht man die emotionale Logik. Über Freude im Herbst zu schreiben, wird die Leser glauben lassen, man sei ironisch. Traurigkeit im Frühling zu beschreiben, wird den Eindruck erwecken, man wolle einen Punkt über den Kontrast machen. Das System ist rigide, uralt und überraschend präzise.
Frühling: Sehnsucht und Angst (春 Chūn)
Der Frühling in der chinesischen Poesie ist nicht die fröhliche Wiedergeburt der westlichen Tradition. Er ist ängstlich. Die Blumen blühen, ja — aber sie stehen auch kurz davor zu fallen. Frühling Schönheit ist untrennbar verbunden mit dem Bewusstsein, dass sie nicht von Dauer sein wird.
Das Gefühl, das am meisten mit dem Frühling assoziiert wird, ist die "Frühlingsehnsucht" (春愁 chūnchóu) — eine unruhige, unbestimmte Traurigkeit, die durch den Anblick des neuen Wachstums hervorgerufen wird. Es ist das Gefühl, die Welt zum Leben zu erwecken, während man drinnen festsitzt, weit weg von zu Hause ist oder älter wird, während die Pflaumenblüten jung bleiben.
Du Fu (杜甫 Dù Fǔ) brachte das perfekt zum Ausdruck:
> 感时花溅泪,恨别鸟惊心。 > Bewegt von den Zeiten spritzen die Blumen mit Tränen. Den Abschied hassend, erschrecken die Vögel das Herz. > (Gǎn shí huā jiàn lèi, hèn bié niǎo jīng xīn.)
Die Blumen weinen nicht. Du Fu weint, und die Blumen werden nass von seinen Tränen. Oder vielleicht weinen die Blumen auch — die Grammatik ist absichtlich mehrdeutig. Frühling Schönheit und menschlicher Kummer verschmelzen zu einer Empfindung.
Frühlingbilder in der chinesischen Poesie:
| Bild | Chinesisch | Emotionale Assoziation | |---|---|---| | Pflaumenblüte (梅花) | méihuā | Resilienz, frühe Hoffnung (blüht im späten Winter) | | Pfirsichblüte (桃花) | táohuā | Romantik, flüchtige Schönheit, Paradies | | Weide (柳) | liǔ | Abschied, Festhalten, feminine Anmut | | Schwalbe (燕) | yàn | Rückkehr, Heimkehr, Ankunft des Frühlings | | Frühlingsregen (春雨) | chūnyǔ | Nährung, Melancholie, sanfte Traurigkeit | | Fallende Blütenblätter (落花) | luòhuā | Verlust, Vergänglichkeit, vergeudete Schönheit |Das mit Abstand emotionalste Frühlingsbild ist das fallende Blütenblatt (落花 luòhuā). Lin Daiyu (林黛玉 Lín Dàiyù) in "Der Traum der Roten Kammer" (红楼梦 Hónglóu Mèng) beerdigt fallende Blütenblätter in einer berühmten Szene, die jeder chinesische Leser als Metapher für ihre eigene verdammte Schönheit erkennt.
Sommer: Fülle und Stille (夏 Xià)
Der Sommer ist die am wenigsten beschriebene Jahreszeit in der klassischen chinesischen Poesie. Ihm fehlt das emotionale Drama des Frühlings und Herbstes. Aber die Sommergedichte, die es gibt, konzentrieren sich tendenziell auf zwei Dinge: überwältigende sensorische Fülle und die Stille der extremen Hitze.
Yang Wanli (杨万里 Yáng Wànlǐ), ein Dichter der Song-Dynastie, bekannt für sein lebendiges Nature Writing, erfasste den visuellen Überfluss des Sommers:
> 接天莲叶无穷碧,映日荷花别样红。 > Die Lotusblätter strecken sich in endlosem Grün zum Himmel. Die Lotusblumen, die die Sonne reflektieren, leuchten in einer anderen Art von Rot. > (Jiē tiān lián yè wúqióng bì, yìng rì héhuā biéyàng hóng.)
Der Lotus (荷花 héhuā / 莲花 liánhuā) ist die signaturpflanze des Sommers. Im Buddhismus wächst der Lotus...