Jenseits der Tang-Dichtung
Fragt man die meisten Menschen nach chinesischer Poesie, denken sie an Tang-Dichtung (唐诗 Tángshī) – Li Bais (李白 Lǐ Bái) Mond, Du Fus (杜甫 Dù Fǔ) Krieg, Wang Weis (王维 Wáng Wéi) Berge. Tang shi ist die klassische Tradition, die in der Schule gelehrt, von Kindern auswendig gelernt und in Dutzende Sprachen übersetzt wird. Ihr Ruf ist wohlverdient.
Doch China besitzt eine zweite große poetische Tradition, die viele westliche Leser kaum kennen: Song ci (宋词 Sòngcí) – die Liedlyrik der Song-Dynastie (宋朝 Sòngcháo, 960–1279). Wenn Tang shi Chinas klassische Symphonie ist – formell, majestätisch, von strengen Regeln bestimmt –, dann ist Song ci ihr Jazz: flexibel, improvisatorisch, zutiefst persönlich und mit einem emotionalen Spektrum, das die ältere Form nicht erreicht.
Was macht Ci anders?
Der grundlegende Unterschied zwischen shi (诗 shī) und ci (词 cí) liegt in der Struktur. Shi hat einheitliche Zeilenlängen – jede Zeile eines fünfstimmigen shi hat fünf Schriftzeichen; jede Zeile eines siebenstimmigen shi hat sieben. Ci dagegen hat unregelmäßige Zeilenlängen, die durch ein vorgegebenes musikalisches Muster namens cipai (词牌 cípái, wörtlich „Lied-Namenskarte“) bestimmt sind.
Ein cipai ist im Wesentlichen eine Melodievorlage. Es legt die Anzahl der Zeilen fest, die Anzahl der Zeichen pro Zeile (die variieren kann), das Reimschema und das Tonmuster (平仄 píngzè). Unterschiedliche cipai haben verschiedene emotionale Register: einige sind kriegerisch, andere melancholisch, wieder andere verspielt. Die Aufgabe des Dichters besteht darin, die Vorlage mit neuen Worten zu füllen, die die musikalischen Anforderungen erfüllen und zugleich etwas Originelles ausdrücken.
Einige bedeutende cipai-Muster:
- Butterfly Loves Flower (蝶恋花 Dié Liàn Huā): 60 Zeichen, zwei Strophen, melancholisch und romantisch - Water Melody Prelude (水调歌头 Shuǐ Diào Gē Tóu): 95 Zeichen, weitreichend und philosophisch - Slow Voice (声声慢 Shēng Shēng Màn): 97 Zeichen, Trauer und Verzweiflung - Man Jiang Hong (满江红 Mǎn Jiāng Hóng): 93 Zeichen, kriegerisch und heroisch - Like a Dream (如梦令 Rú Mèng Lìng): 33 Zeichen, kurz und traumhaftDie unregelmäßigen Zeilenlängen verleihen dem ci seinen charakteristischen Rhythmus. Ein ci-Gedicht kann von einer siebenzeichenlangen Zeile zu einer dreizeichenlangen und dann zu einer fünfzeichenlangen wechseln – was einen musikalischen Effekt erzeugt, den die einheitliche Struktur des shi nicht bieten kann. Die kurzen Zeilen schaffen Momente der Verdichtung und Betonung; die längeren Zeilen ermöglichen narrative Entfaltung.
Zwei Schulen: Die Feine und die Kühne
Die Song-ci-Kritik teilt die Tradition traditionell in zwei Schulen:
Die wǎnyuē (婉约 wǎnyuē, „fein und zurückhaltend“) Schule betont Liebe, Sehnsucht und lyrische Schönheit. Ihre Meister sind unter anderem Liu Yong (柳永 Liǔ Yǒng), dessen ci über Kurtisanen und Abschiedsszenen so populär waren, dass „wo immer es Brunnen gibt, an denen man Wasser trinken kann, singen die Menschen Liu Yongs ci“ – und Li Qingzhao (李清照 Lǐ Qīngzhào), deren emotionale Präzision den Standard für die Form setzte.
Liu Yongs Abschied an einem Flussufer:
> 执手相看泪眼 (Händchen haltend sehen wir uns mit tränenden Augen an) > 竟无语凝噎 (Und finden uns sprachlos und erstickt in Gefühlen)
[An dieser Stelle bricht der Originaltext ab.]